Forum Junge Vormärz Forschung


Das Forum Junge Vormärz Forschung ist eine Plattform für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, die sich mit dem Vormärz und Themen in dessen Umfeld beschäftigen. Auf dieser Website sind deswegen Namen und Informationen zu aktuellen Forschungsprojekten und -interessen versammelt. Des Weiteren informiert das Forum Vormärz Forschung auf dieser Seite über künftige Aktivitäten des Forums Junge Vormärz Forschung. Das Forum Junge Vormärz Forschung ist gleichfalls Titel der internationalen Studientagungen, welche das Forum Vormärz Forschung e.V. in Kooperation mit der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal regelmäßig ausrichtet. Junge Forscherinnen und Forscher stellen dort neue Arbeiten zum Vormärz vor.
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10. Studientagung 2019
Jakob Baur (Universität Augsburg)



Jakob Baur studierte von 2008–2011 Europäische Kulturgeschichte und Germanistik (Augsburg und Lyon), von 2011–2014 Kulturelle Grundlagen Europas (Konstanz und Hongkong, M.A.). Seit 2015 ist er wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg; Dissertationsprojekt „Angstlektüren. Emotionspraktiken der Angst und populäre Schauerliteratur, 1790–1850“ (Abstract: Das Dissertationsprojekt geht der Frage nach, welche Formen die Emotion der Angst im deutschsprachigen Raum im frühen 19. Jahrhundert annimmt und inwiefern diese sich historisch wandeln. Untersuchungsgrundlage sind populäre Schauererzählungen, sowie normative Texte und Rezeptionszeugnisse im Sinne eines ‚tiefen‘ Quellenverständnisses. Der theoretisch-methodische Zugang erfolgt über die historische Praxeologie und baut auf der Emotionsgeschichte sowie der literaturwissenschaftlichen Schauerforschung auf. Ziel der Untersuchung der historischen Angst ist es, den literarischen Schauer emotionshistorisch zu kontextualisieren, dessen Funktion im Zusammenhang mit Praktiken des Fühlens und Lesens sowie die Beziehung beider untereinander aufzuzeigen und dadurch bestehende Konzepte und Auffassungen der neuzeitlichen Mediengeschichte emotionshistorisch-praxeologisch fundiert um die Dimension der Emotion ‚Angst‘ zu erweitern.)

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Vortragsthema: Erheiterungen von der Nachtseite des Menschen. Popularisierung anthroplogischen Wissens in der Unterhaltungsliteratur Friedrich Launs und Heinrich Zschokkes

Mein Beitrag zum 10. Forum Junge Vormärzforschung möchte mit Friedrich Laun und Heinrich Zschokke zwei Autoren näher vorstellen, anhand derer sich der Wandel literarischer Kommunikation im Modus der Unterhaltungsliteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders gut nachvollziehen lässt. Dabei werden sowohl veränderte medienhistorische Bedingungen als auch neue Formen und Funktionen von Unterhaltungsliteratur beleuchtet. Dieses Referat möchte darauf hinweisen, dass sich die Erforschung der Unterhaltungsliteratur der Vormärzzeit (verstanden als die 33 Jahre zwischen Wiener Kongress von 1815 und der Märzrevolution von 1848) vor allem im Hinblick auf Frageperspektiven einer wissenshistorischen Kulturgeschichte lohnt.
In einem ersten Schritt sollen dazu die beiden Erfolgsautoren Friedrich Laun (d.i. Friedrich August Schulze; 1770-1849) und Heinrich Zschokke (1771–1848) als Akteure im Kontext des deutschsprachigen populärliterarischen Feldes der Vormärzzeit verortet werden. Anhand von Selbstzeugnissen und Paratexten gilt es den Habitus der beiden Populärliteraten zu rekonstruieren und in Bezug zu zeitgenössischen Diskursen über Unterhaltungslektüren zu setzen. Zweitens wird der medienhistorische Kontext von Produktion und Distribution der Texte Launs und Zschokkes skizziert. Dieser Blick auf Produktionsweisen, Medien und Gattungen der Unterhaltungsliteratur ermöglicht ein differenzierteres Verständnis der Bedingungen von populärliterarischer Kommunikation vor 1848. Diese Akteurs- und Medienperspektive gilt es, drittens, auf die Textebene selbst zu beziehen. Die ausgewählten Kurzprosatexte aus dem Schauergenre verhandeln Thematiken wie Wahnsinn, Mord und Geistertreiben, die eigentlich eher dazu prädestiniert scheinen, das Publikum zu erschrecken, nämlich dezidiert auf eine unterhaltsame Weise. Im Gegensatz zu literarischen Avantgardisten wie Autoren der ‚schwarzen Romantik‘ aber, die explizit auf moralische Transgression abzielen und sich tendenziell dem literarischen Höhenkamm zuschreiben, haben Laun und Zschokke, so die These, als Autoren zweiter Reihe mit großem Publikumszuspruch anderes im Sinn: Es geht ihnen im Modus der Unterhaltung darum, menschenkundliches Wissen zu vermitteln. Diesem anthropologischen Wissen über psychopathologische Symptome, Alpträume und Sinnestäuschungen kommt in seiner narrativen Einbettung eine gesellschaftsstabilisierende Funktion zu, indem es die in eine Krise geratene soziale Ordnung wiederherstellen hilft. Das Wissen wird dabei aber nicht nur einfach präsentiert, sondern exemplarisch so kommuniziert, dass dessen allgemeine soziale Relevanz ersichtlich wird – zumindest dem impliziten Anspruch nach. Indem LeserInnen von Menschen in spezifisch menschlichen Krisen lesen, lernen sie, wie solche Krisen nach zeitgenössischem Wissensstand überwunden werden können. Es ist freilich anzumerken, dass sich die populärliterarische Darstellung menschlicher Nachtseiten nicht in einer belehrenden Stabilisationsfunktion erschöpft und sich auf Grund der Deutungsoffenheit literarischer Texte reduktive Funktionszuschreibungen generell verbieten.
Dennoch ermöglicht die Populärliteratur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der mediengeschichtlichen Bedingungen und der Situiertheit ihrer Autoren in spezifischen Diskurszusammenhängen tiefergehende Einblicke in die kommunikativen Potenziale einer unterhaltsamen Wissenspopularisierung. Ein so rekonstruiertes Zeitwissen vom Menschen und seinen Nachtseiten kann für eine kulturwissenschaftliche Vormärzforschung eine Grundlage zu weitere Fragen zum Wandel von Formen und Funktionen von Literatur in einer Zeit sich extensivierender Lektüren bilden.
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Maria Magnin (Université de Lausanne)



Maria Magnin, geb. 1993. 2012-2018 Studium der deutschen und italienischen Literatur in Lausanne und Bern. Masterarbeit zur Schweiz als Gegenstand postkolonialer Selbstkritik in der Deutschschweizer Gegenwartsliteratur. 2015-2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Edition im Robert Walser-Zentrum in Bern. Seit März 2018 Doktorandin im SNF-Projekt „Luxus und Moderne“ unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Georg von Arburg und Prof. Dr. Christine Weder mit einem Promotionsvorhaben zu Gottfried Keller.

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Vortragsthema: Luxus vs Arbeit. Luxuskritik aus weiblicher Perspektive im Vor- und Nachmärz

„Wenn ich mich amüsierte, wenn ich an Vergnügungen, an Putz, an Menschenverkehr Freude zeigte, war die Mutter immer mit mir zufrieden. Sie fand mich dann mädchenhaft und natürlich […].“ (Fanny Lewald)
Seit der Antike ist die Assoziation von Weiblichkeit und Luxus ein Topos. Von Männern wie Cato bis zu Werner Sombart wird den Frauen unterstellt, sie seien aufgrund ihrer „Natur“ für die Verlockungen des Luxus besonders anfällig. Zudem werden dem Luxus von seinen Kritikern häufig feminisierende Eigenschaften zugeschrieben, wie Verweichlichung oder durch Überreizung ausgelöste Hysterie. In der Forschungsliteratur zum Luxus und zur Luxusdebatte finden sich zwar zahlreiche Arbeiten, die sich mit dem Genderaspekt beschäftigen, aber weibliche Stimmen dazu sind kaum untersucht. Dabei gibt es gerade im 19. Jahrhundert verschiedene Schriftstellerinnen, die sich aus weiblicher Perspektive mit dem (bürgerlichen) Luxus in zeitlicher und materieller Hinsicht auseinandersetzen. Insbesondere für ein Recht auf Erwerbsarbeit eintretende Frauenrechtlerinnen versuchen aufzuzeigen, dass der angebliche weibliche Hang zum Luxus keineswegs eine „natürliche“ Sache ist, sondern dass er den Frauen des Mittelstands anerzogen wird, wie das obenstehende Zitat aus Fanny Lewalds Autobiographie unterstreicht. In ihrer Argumentation setzen die Schriftstellerinnen sich mit bürgerlichen Werten wie Nützlichkeit, Tüchtigkeit und Ehrbarkeit auseinander und zeigen auf, wie sehr die Erziehung der Mädchen zu einem müßigen Dasein denselben widerspricht.
In meinem Beitrag möchte ich die These vertreten, dass sich Schriftstellerinnen des Vor- und Nachmärz die Argumente der bürgerlichen Luxuskritik zu eigen machen und für ihre Zwecke einsetzen. Dies geschieht in unterschiedlichen Formen sowohl in literarischen Texten wie Fanny Lewalds Jenny (1843) oder ihrer Lebensgeschichte (1861–1863) als auch in politischen Schriften wie ihren Osterbriefen für die Frauen (1863), Louise Otto-Peters Recht der Frauen auf Erwerb (1866) oder Hedwig Dohms Feuilleton über die Geheimratstochter (1877). Ihre Kritik an der Mädchenerziehung richtet sich hauptsächlich auf zwei Punkte, die beide mit dem Luxus verbunden sind: Einerseits kritisieren sie es als Zeitverschwendung, wenn Mädchen und Frauen ohne eigentliche Aufgabe ihre Tage mit Nichtigkeiten füllen müssen und dadurch schließlich selbst zu einem „Luxusartikel“ (Louis Otto Peters) werden. Andererseits prangern sie die Versorgungsehe, in welche sich an Wohlstand und Bequemlichkeit gewöhnte Mädchen begeben, als Prostitution an. Um solchen Problemen abzuhelfen, fordern die Frauenrechtlerinnen das Recht auf Erwerb und v. a. auch das Recht auf eine echte Ausbildung. Diese Generation der Frauenbewegung hat Konzepte wie „Weiblichkeit“ und Mutterschaft stark betont und erscheint wegen ihrer großen Kompromissbereitschaft aus heutiger Perspektive oft etwas zahm. Aussagen wie diejenige von Fanny Lewald jedoch zeigen, dass schon hier die „natürliche“ Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern zumindest ansatzweise hinterfragt wird und dass spezifisch „weibliche“ Eigenschaften als gesellschaftliche Konstruktionen entlarvt werden. Positionen aus dem Luxusdiskurs tauchen dabei an ganz unterschiedlichen Stellen und mit teilweise gegenläufigen Funktionen im Argumentarium der Schriftstellerinnen auf.
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Diogo Sasdelli (Universität Vechta)

Diogo Sasdelli studierte 2011 – 2016 Rechtswissenschaft an der Universidade Federal de Minas Gerais (UFMG) (Brasilien); Oktober 2018: Preisträger (DAAD-Preis), von 2016 – 2018 M. A.-Studium Kulturwissenschaften an der Universität Vechta, seit 2018 Doktorand in der Philosophie (Thema: Die philosophische Begründung der Rechtsinformatik in der Normenlogik).

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Vortragsthema: Freiheit und Zufall im Kontext des Vormärz.

Wer sich die Aufgabe stellte, die Gesamtheit der Ansprüche und Forderungen des Volkes, die im Kontext des deutschen Vormärz Anlass zu den revolutionären Ereignissen der Jahre 1848/49 gaben, unter einem einzigen Begriff zu erfassen, der fände wohl kein besseres Wort als „Freiheit“. Freiheit stand im Mittelpunkt der politischen Bewegungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber vorher auch der wissenschaftlichen und philosophischen Debatten in der Frühneuzeit, insbesondere im Rahmen der Aufklärung. Das abendländische Drama des Aufgangs der liberalen, bürgerlichen Gesellschaft beginnt, um eine Bühnenmetapher zu benutzen, mit der Aufklärung als Exposition und mit der Industriellen Revolution als Steigerung, entwickelt seine Peripetie in der Französischen Revolution und geht danach zur Retardation des Vormärz über, sowie anschließend zur Schlusshandlung in Form der Ereignisse der Jahre 1848/49.
Neben der Hauptdarstellerin Freiheit ist in diesem Drama allerdings noch ein weiterer, häufig vergessener, doch höchst komplexer Nebendarsteller zu beachten: Der Zufall. Die Vorstellung des Zufälligen beschäftigt die Philosophie schon seit der Antike. Begrifflich scheint der Zufall sowohl mit Freiheit als auch mit Kausalität eng verwandt zu sein. Bemerkenswerterweise hat aber der Zufall anders als die Freiheit – deren Annahme zahlreichen Systemen der Ethik zugrunde liegt – und die Kausalität, die als Grundlage der klassischen Naturwissenschaft dient – erst nach der Entwicklung der Quantenphysik eine zentralere Rolle in der philosophischen Erkenntnistheorie und der Logik übernehmen können. Dass aber die Wichtigkeit dieses Begriffs in der Philosophie der Neuzeit, die zum Vormärz hinführte, gesehen wurde, ist durch die Tatsache belegt, dass schon damals viele Untersuchungen über den Zufall entwickelt wurden, und zwar genau von denselben Denkern, deren Schriften zur Freiheit die damalige politische Diskussion gestaltet haben (z. B. Kant, Fichte, Schopenhauer Hegel u.a.).
Im Vortrag sollen die Begriffe der Freiheit und des Zufalls im Kontext des Vormärz diskutiert werden. Dabei wird dem Begriff des Zufalls besondere Aufmerksamkeit gewidmet, insbesondere bezüglich der Rolle dieses Begriffs in der Literatur und der politischen Diskussion im Vormärz.
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Viviane Meierdreeß (FU Berlin)

Viviane Meierdreeß studierte von 2013 2016 Literatur- und Sprachwissenschaft an der RWTH Aachen und von 2016 2019 Neuere deutsche Literatur (M.A.) an der FU Berlin; Forschungsinteressen: Identität, Gesellschaft, Nation im 19. Jh., das Werk Heinrich von Kleists, Entwicklung der Frauenliteratur.

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Vortragsthema: „[…] und der Freiheit will ich singen.“ – Politische Lyrik als Mittel der Partizipation für Autorinnen des Vormärz

In der literaturwissenschaftlichen Forschung sind die publizistischen Projekte und die Prosatexte von Autorinnen, deren Schaffenszeit in die des Vormärz fällt, ausführlich untersucht worden. So gibt es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu den Zeitungsprojekten verschiedener Autorinnen. Auch die Revolutions- und sozialkritischen Romane wurden in Forschungsbeiträgen analysiert. Weniger beachtet wurden hingegen die lyrischen Produktionen von Autorinnen im Vor- und Umfeld der europäischen Revolutionen von 1848/1849. In meinem Beitrag sollen die Gedichte der beiden Autorinnen, Louise Otto (Lieder eines deutschen Mädchens, 1847) und Louise Dittmar (Brutus-Michel, 1848; Wühlerische Gedichte eines Wahrhaftigen, 1848), betrachtet werden. Im Zentrum stehen dabei die Fragen, inwiefern die Autorinnen die politische Lyrik als Mittel der Partizipation innerhalb der Gesellschaft und der historischen Ereignisse wahrnahmen, welche Bedeutung sie der politischen Lyrik für ihre eigene politische und gesellschaftliche Teilhabe beimaßen und ob und inwiefern sie die Geschlechterzuschreibungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts thematisierten beziehungsweise sich kritisch mit dieser auseinandersetzen.
Besonders deutlich wird dies am Werk von Louise Otto, die sich in ihrem Aufsatz „Ueber das erwachende Interesse der Frauen an der Politik“ mit der Bedeutung der politischen Lyrik für das gestiegene politische Interesse der Frauen, inklusive ihr selbst, auseinandersetzt. In Ottos Gedichten erscheint das Singen immer wieder als Möglichkeit, die es Frauen ermöglicht, sich aktiv in den politischen Prozess und in den Kampf für Freiheit und Einheit einzubringen. Die Bedeutung der politischen Lyrik wird bei Otto poetologisch aufgearbeitet und die Geschlechterverhältnisse klar thematisiert. Dittmar konzentriert sich hauptsächlich auf die Diskussion der revolutionären Ereignisse und politischen Umstände und behandelt die Frage der weiblichen Partizipation sekundär, macht Gleichberechtigung jedoch gleichzeitig zur Voraussetzung für wahre Freiheit.
Die Analyse der politischen Lyrik der genannten Autorinnen wirft einen erweiterten Blick auf die politisch engagierte Literatur des Vormärz und kann die Mittel, mit denen Frauen versuchten sich in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs einzubringen und die Partizipationsräume, die sie sich zu schaffen versuchten, beleuchten.
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Ludmila Peters (Universität Paderborn)

Dr. Ludmila Peters studierte Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Paderborn und der RGGU (RSHU) in Moskau. Sie ist wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Norbert Otto Eke an der Universität Paderborn und seit 2016 in Redaktion der ZfdPh tätig. Sie promovierte (2018) zu „Religion als diskursive Formation: Zur Darstellung von Religion in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“.

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Vortragthema: Lenaus Die Albigenser und Faust – Narratologische Perspektiven auf das Versepos im Vormärz

In der Fluchtlinie des Vormärz als ‚Experimentierfeld‘ (vgl. Füllner/Füllner 2007) lesen neuere Untersuchungen das Vormärz-Epos unter europäischen Ansätzen (vgl. Füllner/Füllner 2007), und fragen nach nation-building und Erinnerungstheorie (vgl. Krauss/Mohnike 2011) usw. Auch narratologische Zugriffe können das erzählende Moment von Versepen in eine neue Perspektive rücken. Umso mehr, da sich solche Lesarten antiker und mittelalterlicher Epentradition in den letzten 20 Jahren etabliert und ausdifferenziert (vgl. Schmitz, Telg genannt Kortmann/Jöne 2017; Fludernik 2013) haben.
Das Referat setzt an dieser narratologischen Perspektivierung an und macht den analytischen Blick auf Raumdarstellungen und deren Grenzüberschreitungen im Epos zu Gegenstand. Ausgehend von Juri Lotmans Raumkonzept in Erweiterung um seine kulturtheoretischen Überlegungen zur „Semiosphäre“ wird argumentiert, dass die ‚räumlichen‘ Grenzüberschreitungen und -bewegungen in den Epen in heterotopische ‚Zonen‘ münden, die rezeptionsästhetisch Irritationen produzieren.
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Katja Holweck (Universität Mannheim)

Katja Holweck studierte Germanistik und Romanistik in Mannheim und Paris. Seit 2016 promoviert sie über das dramatische Œuvre C. D. Grabbes, zunächst gefördert durch ein LGF-Stipendium. Seit Herbst 2018 ist sie Assistentin am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Mannheim: Literatur des Vormärz, Roman und Novelle der Jahrtausendwende, Drama und das Theater der Gegenwart.

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Vortragsthema: Kippfiguren. Ambiguität als ästhetische Strategie im dramatischen Werk C. D. Grabbes

Bis in die Gegenwart gilt C. D. Grabbe in der Literaturwissenschaft wie im Theaterbetrieb – gerade im Vergleich zu seinem ‚zugänglicheren‘ Schriftstellerkollegen Georg Büchner – mitunter als ‚sperriger Sonderfall‘. Und doch gehört der vergleichsweise wenig bekannte und gespielte Dramatiker, wie die Grabbe-Forschung bereits in zahlreichen Untersuchungen gezeigt hat, zu den für die Entwicklung des modernen Theaters zentralen Autoren des frühen 19. Jahrhunderts: So bricht Grabbes Dramaturgie über ihr agonal organisiertes Spiel mit den inhaltlichen und formalen Konventionen des Dramas mit der zeitgenössischen Theaterpraxis und rüstet so das Genre für die Moderne auf und um. Sich einer mitunter radikal anmutenden Erneuerung der Bühne der Restaurationszeit verpflichtend, avanciert der Hang zu Normverletzung und Destabilisierung zur Signatur von Grabbes dramatischen Schaffen. Seine ‚Poetik der Irritation‘ erweist sich nicht zuletzt als Produkt des ambiguen Charakters seiner Dramen. So zeigen sich seine Texte mit Kippfiguren bzw. mit Umkehrungsszenarien verschiedener Art durchsetzt.
Deutlich wird eine Affinität zum abrupten Bruch, welcher – so die These – auf einen Moment der Destabilisierung und Befremdung auf Seiten der Rezipienten zielt: In Anbetracht des Brüchigwerdens fester Zuordnungen und des damit einhergehenden Verlusts an Orientierung sieht sich der Leser mit der Herausforderung konfrontiert, sich zum Gezeigten positionieren zu müssen – was durch dessen Ambiguität, durch das Fehlen einer eindeutigen Botschaft zu einem heiklen Unterfangen wird. Grabbes Dramen zeigen sich an zahlreichen Stellen als Vexierbilder, die Momente der Unentscheidbarkeit produzieren und dadurch widerstreitende Lektüren ermöglichen. Besonders deutlich wird dies durch die irritierende Transgression der Gattungsgrenzen, die bereits den Zeitgenossen ins Auge stach und auf die auch die Grabbe-Forschung wiederholt verwiesen hat. Nicht zuletzt sind es die metatheatral angelegten Texte selbst, die jene Transgression explizit verhandeln: „[W]as tragisch ist, ist auch lustig, und umgekehrt. Hab ich doch oft in Tragödien gelacht, und bin in Komödien fast gerührt worden“, lässt Grabbe eine seiner Figur in seinem Hannibal von 1835 konstatieren.
Im Rahmen meines Vortrags soll sich der Erosion der Gattungsgrenzen mit dem Begriff der Ambiguität angenähert werden – eine ästhetische Kategorie, mit der sich die Germanistik gerade in jüngster Zeit intensiv auseinandergesetzt hat. Ambiguität soll als eine für das Grabbe’sche Œuvre charakteristische ästhetische Strategie perspektiviert werden, die insbesondere in Hinblick auf die Dramenschlüsse deutlich hervortritt. So lässt sich beobachten, dass die oben bemerkte ‚Widerständigkeit‘ der Texte besonders in den Schlussvolten eindrücklich hervortritt. Exemplarisch soll aufgezeigt werden, inwiefern an dieser Stelle Tragik und Komik spannungsreich nebeneinanderstehen und dem Leser in der Folge verschiedene Rezeptionshaltungen gegenüber dem Gezeigten angeboten werden – ohne dass die Texte jedoch eine von ihnen widerspruchsfrei ermöglichen. Wie zu zeigen sein wird, lassen sich Grabbes Dramen als ‚ernste Spiele‘ verstehen, die zwischen Affirmation und Subversion, Ernst und Scherz oszillieren, ohne sich final bestimmen zu lassen und damit auf einen Bruch mit den gängigen Sehgewohnheiten und somit der passiven Rezeptionshaltung des Publikums zielen. Zu fragen wird sein, inwiefern der Dramatiker in den finalen Szenen seiner Werke auf systematische Art und Weise Strategien zur Vermeidung von Eindeutigkeit verfolgt, um nicht zuletzt vor diesem Hintergrund zu erörtern, inwiefern Grabbes ambigue Poetik ästhetische Modi und Problemkonfigurationen vorwegnimmt, die besonders – wie Hans-Thies Lehmanns wirkmächtiger Essay zum Postdramatischen Theater (1999) aufgezeigt hat – für das Theater der Gegenwart von zentraler Bedeutung sind.
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Andreas Rizzi (Universität Zürich)

Andreas Rizzi ist seit August 2016 Doktorand an der Universität Zürich; Projekttitel: Poetik der Relation – Masse und Individuum im Drama um 1800. Von Oktober 2017-Januar 2019 war er Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds, er war Gastforscher an der FU Berlin und an der Yale University / Department of Germanic Languages and Literatures.

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Vortragsthema: Masse – zu einem Phantasma in Georg Büchners Danton´s Tod

„Ich werde zwar immer meinen Grundsätzen gemäß handeln, habe aber in neuerer Zeit gelernt, daß nur das nothwendige Bedürfniß der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Thorenwerk ist. Sie schreiben, man liest sie nicht; sie schreien, man hört sie nicht; sie handeln, man hilft ihnen nicht. [...] Ihr könnt voraussehen, daß ich mich in die Gießener Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde.“ (Büchner).
Nach dem gescheiterten Juniaufstand in Paris 1832 und dem Frankfurter Wachensturm verdichtet sich Büchners Überzeugung, allein ein in die Breite der Volksmasse getragener Aufstand könne die revolutionäre Umwälzung des Staatsgebildes hin zur nationalen Einheit in Deutschland bewirken. Wie im Brief geäussert, haben die virulenten gesellschaftlichen Entwicklungen jener Jahre bei Büchner ein Umdenken bewirkt; er habe aus ihnen gelernt. Die Poetik Büchners selbst ist im Kontext von Historie und Sujet, schlussendlich vor dem Hintergrund der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen mimetischer Verfahren, nachzuzeichnen; in diesen Briefzeilen steht die Masse als Akteur der Geschichte nicht nur am Anfang einer Revolution, viel eher wird unter dem Vorzeichen einer Poetologie auf Schrift verwiesen.
In den Verhörprotokollen August Beckers, der an der Verteilung des Hessischen Landboten beteiligt war, gibt der Angeklagte unumwunden zu:
„Den Landboten betreffend, so sei es mir erlaubt, den Verfasser desselben, Georg Büchner, in seinen eigenen Worten, deren ich mich noch ziemlich genau erinnere, hier für mich reden zu lassen [...] Soll jemals die Revolution auf eine durchgreifende Art ausgeführt werden, so kann und darf das bloß durch die große Masse des Volkes geschehen, durch deren Ueberzahl und Gewicht die Soldaten gleichsam erdrückt werden müssen. Es handelt sich also darum, diese große Masse zu gewinnen, was vor der Hand nur durch Flugschriften geschehen kann.“ (Eugenia-Protokolle).
Anhand der Figurenrede Camilles (selbst ein Dantonist) im 1. Akt, 1. Szene des Danton zeichnet der Beitrag zunächst die textweltliche Auseinandersetzung mit dem Komplex „Masse“ auf narrativer und konfiguraler Ebene nach, wobei auf die Körperrhetorik („Leib des Volkes“ etc.) fokussiert wird. Dies ist Grundlage für die weitergefasste Kontextualisierung, die im Kern das folgende Argument enthält: Mit der beinahe wörtlichen Übernahme Winckelmanns zeigt sich das Volk – die Masse also – in Camilles Figurenrede mittels verbaler Nachahmung als Abklatsch eines antiken Ideals und scheitert dem Diskurs des Vormärz gemäss und dem Winckelmann´schen Idealismus gleich an seiner phantasmagorischen Verfasstheit. Camilles Vorstellungen sind in ihrer Rhetorik rückwärtsgewandt codiert im doppelten Sinn, woraus sich die eigentümliche Metafiktion dieser Passage ergibt: Nicht nur referiert er mit seiner Allegorie auf ein vergangenes (klassizistisches) Ideal, sondern verweist auf ein über dieses Vergangene dargestelltes und potenziertes Vor-Vergangenes und somit für die gegenwärtige Situation, in der alles nach Zukunft strebt, Irrelevantes; auf die reine Idee, aus der sich die Republik entfalten soll. Er erscheint in der Ästhetik des Vormärz selbst als überholte Figur. Der Beitrag schliesst mit der Darlegung poetologischer Verstrickungen (Schriftlichkeit – Historie) mit Büchners in den Briefen geäusserten Auffassungen zur Masse.
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9. Studientagung 2018




ReferentInnen und LeiterInnen des 9. Forums Junge Vormärz Forschung, April 2018 (v.l.n.r.): Paul Keckeis, Michael Ansel, Isabel Golenia, Jonas Skell, Bernd Fuellner, Sarah Heckmann, Wolfgang Lukas, Stefanie Braun, Antonia Villinger, Cyril de Beun, Anne-Rose Meyer.






TeilnehmerInnen des 9. Forums Junge Vormärz Forschung, April 2018 (v.l.n.r.): Katharina Grabbe, Olaf Briese, Paul Keckeis, Jonas Skell, Isabel Golenia, Michael Ansel, Philipp Erbentraut, Bernd Fuellner, Sarah Heckmann, Wolfgang Lukas, Stefanie Braun, Cyril de Beun, Antonia Villinger, Florian Vaßen, Anne-Rose Meyer, Gerhard Höhn, Norbert Waszek, Frank Stückemann und Birgit Bublies-Godau.


 
Cyril de Beun (Leuven)

Dr. Cyril de Beun (1991) ist Postdoc an der Universität Leuven. 2017 Promotion mit einer Dissertation zum Thema „Schriftstellerreden 1880-1938: Intellektuelle, Interdiskurse, Institutionen, Medien“. Er arbeitet derzeit an einem Projekt über den Paradigmenwechsel von Rhetorik zu Interdiskursivität und ihre Rezeption in der deutschen Literatur nach 1800. Forschungsschwerpunkte: deutsche Literatur von 1800 bis 1950, Interdiskurstheorie- und analyse, Rhetorik, Medien- und Kulturwissenschaft.

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Vortragsthema: „Von Rhetorik zu Interdiskursivität: Rezeption eines kulturellen Paradigmenwechsels durch Autoren des Vormärz“

Vor 1800 spielte die Rhetorik in der kulturellen Kommunikation eine zentrale Rolle. Sie fungierte nicht nur als pädagogisches Modell, sondern auch als Denksystem, das bei der Formulierung von Ideen nahezu eine Monopolfunktion besaß. Nach 1800 änderte sich ihre gesellschaftliche Stellung aber wesentlich. Es war nicht einfach die Rhetorikkritik, die schon in der Aufklärung von Kant geübt worden war, die diesem Wandel zugrunde lag. Auf einer fundamentalen gesellschaftlichen Ebene änderten sich, so die These dieses Referats, die diskursiven Bedingungen kultureller Kommunikation. Der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer rasanten Zunahme spezialisierter Teilbereiche und dementsprechender Spezialdiskurse führen würde, entsprang auch eine Gegentendenz, die darin bestand, dass Spezialdiskurse zu Interdiskursen zusammengeschlossen wurden. Diese Reintegrierungen ermöglichten temporäre Kopplungen zwischen getrennten gesellschaftlichen Teilbereichen. Vor allem die Literatur kennzeichnet sich durch interdiskursive Materialien, da Autoren, so behauptet etwa Jürgen Link, besondere Fähigkeiten bei der Auswahl und Kombination von spezialisiertem Wissen vorzuweisen haben. Wegen seiner Flexibilität konnte sich das interdiskursive System, das sich in der Praxis durch eine Sammlung nicht-systematischer Prozedere auswirkte, als Paradigma besser den sich wandelnden kommunikativen Voraussetzungen einer ausdifferenzierenden Gesellschaft anpassen, als es die Rhetorik konnte. Dabei nahm das interdiskursive System nach 1800 sogar die Rhetorik auf, die ihre paradigmatische Stellung inzwischen verloren hatte.
Dieses Referat zeigt die literarische Rezeption dieses Wandels im Vormärz. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Autoren des Jungen Deutschland, wobei aufgeklärt werden sollte, wie sich die interdiskursive Sprache ihrer Schriften zur dort geäußerten Religionskritik und zu ihrer Ablehnung des Absolutismus verhielt. Die Rhetorik hatte ihre paradigmatische Position als Denksystem gerade im Zeitalter vor 1800, unter der Herrschaft von Kirche und Monarchie, entwickelt. Im Vormärz geriet sie dann auch als religiös und monarchisch dominiertes System in die Kritik. Dass die Schriften des Jungen Deutschland immerhin rhetorische Mittel enthielten, wie Gert Ueding und Bernd Steinbrink in ihrem Grundriß der Rhetorik behaupten, stimmt, aber sie unterlagen dem dominanten interdiskursiven Idiom dieser Schriften. Das sollte in diesem Referat unter anderem mittels einer Analyse der Schriften von Theodor Mundt nachgewiesen werden.
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Stefanie Braun (Toulouse)

Doktorandin an der Universität Toulouse II - Jean Jaurès, und Mitglied der Forschungsgruppe CREG; Titel der Dissertation: „Luise Mühlbachs Romandiskurs über deutsch-französische Beziehungen: populäre Historiografie und wissenschaftliche Modernität in Deutschland um 1850“; Studium: Agrégation d’allemand (2011), Master Recherche LLCE Etudes Germaniques et slaves, Bachelor in Germanistik, Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte; Forschungsthemen : L. Mühlbachs literarisches Werk (mit Schwerpunkt auf den historischen Romane nach 1848), Darstellung der deutsch-französischen Beziehungen in den historischen Romanen um 1850, politische nationale Mythenbildung im 19. Jahrhundert, Entwicklung des weiblichen Bürgersinns, kulturelle Interaktion zwischen Frankreich und Deutschland um 1850.

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Vortragsthema: „Kontinuitäten zwischen Vormärz und Nachmärz in L. Mühlbachs Werk am Beispiel der Kritik an der Konvenienzehe und der Darstellung der jüdischen Frage in den historischen Romanen der 1850er Jahre“

Ziel dieses Beitrags ist, das in der Forschung verbreitete Argument zu differenzieren, wonach L. Mühlbach (Clara Mundt) ab 1850 die sozialen Themen ihres Frühwerks der 1840er Jahren vernachlässigt hätte, um in die Gattung des historischen Romans zu flüchten und konservativere Ansichten zu vertreten. Es wird versucht, die Idee eines Bruches im Werke unseres Autors zu überwinden. Demzufolge wird die Beibehaltung mancher Themen betont, wie z.B. die Frage der weiblichen Emanzipation und die Kritik am religiösen Dogmatismus.
Das Thema der Liebesbeziehung außerhalb des Ehebundes und die Kritik an der gesellschaftlichen Heuchelei wurden schon von L. Mühlbach in ihrem sozialkritischen Frühwerk behandelt, als sie von den Saint-Simonistischen Ideen beeinflusst war. Die Kritik an der Konvenienzehe wird jedoch in L. Mühlbachs Werken wiederholt thematisiert, so auch in ihren Romanen nach 1850, wie in den untersuchten Werken Königin Hortense ( 1856), Napoleon in Deutschland (1858) und Kaiserin Josephine (1861). Diese Kritik nimmt verschiedene Formen an und betrifft alle sozialen Schichten, siehe die Darstellung der Königin Hortense, die Opfer einer arrangierten und unglücklichen Ehe mit Louis Bonaparte wird, oder die Gestalt der Fanny Arnstein in Napoleon in Deutschland, die gezwungen wird einen unbekannten Mann zu heiraten, um dem Willen ihres Vaters zu gehorchen, da jener geschäftliche Verbindungen mit der Familie Arnstein sucht.
Parallelen können ebenfalls zwischen L. Mühlbachs Werk vor und nach 1848 gezogen werden, indem die Problematik der weiblichen Emanzipation mit dem Thema der jüdischen Emanzipation assoziiert wird. Zuvor hatte L. Mühlbach dieses Thema im Roman Des Leben Heiland (1840) angeschnitten, wo sie die Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Christen in Krakau geschildert hatte, und schon die Problematik der Konversion zum Christentum und des Verzichts auf die jüdische Kultur und Identität in Hinblick auf Ehe und soziale Integration behandelt hatte. Dies zeigt sich z.B. in Napoleon in Deutschland wo beschrieben wird, wie die Jüdin Marianne Meier von einer Menschenmenge beschimpft wird, die arrangierte Ehen ohne Liebe befürwortet und gleichzeitig Marianne – die einer anderen Religion angehört als ihr Geliebter – vorwirft, eine Liebesbeziehung außerhalb des Ehebundes zu führen. Dementsprechend inszeniert L. Mühlbach die Biographie der bekannten Salonière Marianne Meyer Eybenberg (1770-1812), und betont somit, dass sie zum Christentum übertreten musste, um den Mann heiraten zu können, den sie liebte, und um sich in die preußische und Wiener Gesellschaft integrieren zu können.
Anders als F. Lewalds Heldin Jenny bereut die Figur der Marianne Meier ihren Übertritt zur christlichen Religion nicht, jedoch ist ihr Verhältnis zur Religion trotzdem ambivalent, da sie sich zur Aufgabe macht für die jüdische Sache zu kämpfen, und Fanny Arnstein darum bittet, sich mit ihr zu verbinden, um Judentum und Judaismus zu verbreiten, und sich in der höheren Gesellschaft für die jüdische Kultur einzusetzen. Die Darstellung des deutschen und des preußischen Patriotismus bei den jüdischen Gestalten in Napoleon in Deutschland wird ebenfalls untersucht, v.a. weil bei L. Mühlbach jener deutscher Patriotismus mit der jüdischen Identität vereinbar scheint, wodurch der Vergleich mit Moses Mendelssohns Ideen nahe liegend ist. Es wird in den untersuchten Werken gezeigt, inwiefern die Autorin durch die Darstellung eines deutschen Patriotismus, der zur Überwindung der religiösen Unterschiede führt, zur Problematik der Bildung eines gemeinsamen deutsch-nationalen Imaginären beiträgt. Im weiteren Sinne wird im diesem Referat ebenfalls L. Mühlbachs ambivalenter Bezug zur Religion untersucht. In ihrem sozialkritischen Frühwerk macht sich der Einfluss einesspinozistischen Pantheismus bemerkbar und die Autorin bezeichnet sich in ihrer späten Korrespondenz noch als Heidin. Jedoch war sie in den 1840er Jahren der oppositionellen religiösen Bewegung Protestantische Freunde (Lichtfreunde) gegenüber positiv eingestellt und befürwortete das Erstarken eines theologischen Rationalismus innerhalb der protestantischen Kirche. Die Kritik am Dogmatismus und am religiösen Obskurantismus findet sich in L. Mühlbachs Werk immer wieder, wie z.B. im Vorwort des Romans Des Leben Heiland (1840), im dem sie sich gegen Fanatismus und religiöse Orthodoxie äußert, und erklärt, was sie unter wahrer Religion versteht : „die wahre Religion [beruht] nicht in Gebetsweise und Cultusform […], sondern in Gesinnung und That.“
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Isabel Golenia (Lyon)

Seit 2017 Doktorandin (Université Lumière Lyon 2) « Valeur et fonction du silence dans la littérature allemande entre l'Aufklärung et le romantisme : approche théorique et mise en scène littéraire »; seit 2016 Deutschlehrerin (Studienrätin, Agrégation) in der Pariser Region; Lehramtsmaster (Université Lyon 2, Université Grenoble Alpes); Forschungsmaster Germanistik (Lyon 2), B.A. Französische und Deutsche Philologie (Freie Universität Berlin).

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Vortragsthema: „Die Ästhetischen Feldzüge von Ludolf Wienbarg und die Tradition – Genese einer jungdeutschen Ästhetik“

Unter Feldzügen versteht man allgemein strategisch geplante, militärische Operationen zum Erreichen eines Kriegsziels. Es scheint, als müssten die 24 Vorlesungen der Ästhetische(n) Feldzüge (1834), in Anbetracht der bewussten Titelwahl Ludolf Wienbargs (1802-1872) , als Kriegserklärung gelesen werden. Mit der prägnanten und offensiven Initialaussage „Dir, junges Deutschland, widme ich diese Reden, nicht dem alten“ richtet sich die Ästhetik vorerst gegen unbestimmt definiert „Altes“ und wird bei Wienbarg zum Ausgangspunkt für die Etablierung neuer Formen spezifisch deutscher Kunstbetrachtung unter dem Emblem des literarischen Jungen Deutschland. Die Bewegung des Jungen Deutschland vertritt keine einheitlich geschlossene Position in literarischen Belangen, sodass sich ihr Zusammenhalt eher aus äußeren Bedingungen, wie dem Publikationsverbot 1835, ergibt. Wienbarg wird durch seinen programmatisch theoretischen Ansatz und seine scharf formulierten Forderungen für eine Ästhetik der „neuen Generation“ eine gewisse, jedoch offen diskutierte Bedeutung und Tragweite zugeschrieben. Es steht zur Debatte, inwiefern Wienbarg als „Taufpate“ der Jungdeutschen Bewegung gelten kann und welche Rolle dabei den Ästhetischen Feldzügen zugeschrieben wird. Seine „wichtige Position als Theoretiker“ gilt als bestätigt und erlaubt es, die Ästhetische[n] Feldzüge als Referenz für Ansätze in der Theoriebildung des Jungen Deutschland kritisch hinterfragend anzuführen.
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Sarah Heckmann (Wuppertal)

Jahrgang 1988; studierte von 2007-2014 an der BUW Anglistik, Geschichts- und Erziehungswissenschaft im komb. B.A. und M.Ed., den sie mit der Masterthesis zum Thema „Friedrich von Gentz und die politische Öffentlichkeit“ abschloss (Fach Geschichte, Förderpreis für Abschlussarbeiten der FABU 2014). Nach dem Studienreferendariat (2014-2015) nahm sie die Arbeit in der Winzig Stiftung in Wuppertal auf, die Familien und begleitende Fachkräfte in der sensiblen Phase der Geburt und frühen Kindheit unterstützt (2015-2017 Assistentin des Vorstands, seit 2018 Projektentwicklung). Zeitgleich und nebenberuflich begann sie ihre Promotion im Fach Geschichte (Fachbereich A, Neuere und Neueste Geschichte, Betreuer PD Dr. Arne Karsten). Zwischen März 2016 und April 2018 dankbare Stipendiatin der Graduiertenförderung der BUW, arbeitet sie im Rahmen ihrer Dissertation an einer Biographie des sächs. Publizisten Heinrich Wuttke (1818-1876).

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Vortragsthema: „‚Polenfresser‘ Heinrich Wuttke – antipolnischer Nationalismus und Germanisierungsprojekte 1846-48“

Deutscher Nationalismus im Vormärz wird in der Geschichtswissenschaft zuweilen als bürgerlich-liberale Emanzipationsbewegung verstanden. Ihr integratives Potential im Kampf gegen die einzelnen deutschen Regierungen, und sogar eine internationale Integrationskraft – der Traum vom „harmonische[n] Konzert der Nationalstaaten“ – werden dabei als seine Charakteristika hervorgehoben.
Ein anderes Gesicht des vormärzlichen Nationalismus zeigt indes das publizistische und politische Engagement des sächsischen Oppositionellen Heinrich Wuttke (1818-1876). Es führt uns eine nationalistische Ideologie vor Augen, die sich vor allem durch Abgrenzung und Aggression gegen andere ‚Nationen‘ auszeichnete. Politisch instrumentalisiert wurde dieses radikalnationale Konstrukt mit Hilfe der gängigen bürgerlichen Strategien - Assoziation in Vereinen, persönliche und Vereinsnetzwerke, presseöffentliche Propaganda
Als beispielhaft für diesen radikalen Nationalismus des späten Vormärz stellt der Beitrag das publizistische und vereinspolitische Engagement des in Leipzig wirkenden Schriftstellers und Geschichtsprofessors Heinrich Wuttke vor. Im ersten Teil des Beitrags wird Wuttkes antipolnische, nationalistische Artikelserie „Polen und Deutsche“ (1846, Augsburger Allgemeine Zeitung) als geistige und agitatorische Grundlage in den wesentlichen Zügen skizziert. Der zweite Teil stellt Wuttkes Initiative zum Verein zur Wahrung der deutschen Sache an den östlichen Grenzen (1848), dessen Vereins- und Propagandapraxis, sowie sein beachtliches Netzwerk in den Fokus. Der gewählte mikrohistorische Zugang macht deutlich: Obgleich Wuttke sich von politischen Gegnern die Kritik als „Polenfresser“ gefallen lassen musste, stieß erstens diese Ausprägung nationalistischer Ideologie auf beträchtliche gesellschaftliche Resonanz und schlug sich zweitens im Revolutionsjahr 1848 in einer bürgerlich-nationalistischen Schutzvereinsbewegung nieder.
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Pau Keckeis (Salzburg/Wien)

Studium der Germanistik und Geschichte in Wien, Cambridge, Zürich und Salzburg; 2011-2013 Junior Fellow des IFK (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien); 2016 Promotion mit einer Arbeit zu den Gattungen bei Robert Walser (erscheint 09/18 im Wallstein Verlag, Göttingen); Habilitationsprojekt zu Voraussetzungen und Transformationen deutschsprachiger Lyrik, 1830-1860.

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Vortragthema: „Zur Kulturanthropologie der deutschsprachigen Lyrik. 1830-1860“

Die sozialhistorische Bedeutung der lyrischen Praxis des Vor- und Nachmärz steht außer Frage, ihr ästhetischer Wert dagegen wird zumeist als gering veranschlagt. Während sich die Germanistik bevorzugt Gedichten zuwendet, die besondere Herausforderungen an die Interpretation stellen, wurde vereinzelt eingewendet, dass die Lyrik nur deshalb zu einem zentralen Medium der bürgerlichen Vergesellschaftung werden konnte, weil sie ihre pragmatische Funktion akzentuierte. Die ästhetische Strategie, die einem Großteil der lyrischen Produktion dieser Zeit zugrunde liegt, besteht gerade darin, nicht originell zu sein. Während die Literaturwissenschaft diese Eigenschaft zumeist als qualitativen Mangel der Gedichte beschreibt und ihnen dies nur angesichts ihrer politischen Wirkungsintentionen nachsieht, wird am Beispiel Heines und des österreichischen Lyrikers Ferdinand Sauter gezeigt, dass die Lyrik des 19. Jahrhunderts, wofern sie versucht, die überindividualistischen lyrischen Sprechweisen des vorbürgerlichen Zeitalters gegen die mit der Romantik initiierte ›Transfusion des Kollektiven ins Individuelle‹ (Adorno) präsent zu halten, in einem bewussten Spannungsverhältnis zu jenem ‚individualistischen‘ Lyrikbegriff steht, der in den Literaturwissenschaften kanonisiert wurde
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Jonas Skell (Berlin)

Studium der Volkswirtschaftslehre in Mannheim und Mailand (2011-2014). Im Anschluss: Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin mit den Forschungsinteressen „Dorfgeschichte(n)“ sowie „Literatur und Ethnologie“.

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Vortragsthema: „Von Bürgerbauern und Proletariern. Narrative der Transformation in der Dorfgeschichte des Vormärz“

Der Vortrag widmet sich einem Vergleich zwischen der frühen Dorfgeschichte Befehlerles (1842) von Berthold Auerbach und Carl Arnold Schloenbachs kaum beachteten Das Deutsche Bauernbuch (1848). Die beiden Autoren decken zwei komplementäre Ausprägungen der politischen Dorfgeschichte im Vormärz ab und wurden einander bereits von Uwe Baur in seiner Monographie Dorfgeschichte gegenübergestellt. Leitend ist die Frage nach Zukunftsentwürfen, die beide Texte in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche entwickeln.
Ausgehend von der Annahme, dass die Gattung der Dorfgeschichte im Vormärz als sozial engagierte Novellistik entstand und den Bauern erstmals als aktiv handelnden Akteur in einem veränderbar erscheinenden Geschichtsprozess entwirft (Baur), diskutiert der Vortrag zunächst, auf welche Weise Transformationen der dörflichen Lebenswelt sowohl Erzählanlass als auch Gegenstand der Dorfgeschichte sind (Neumann u. Twellmann). Während Befehlerles vor dem Hintergrund der Verwaltungsexpansion in Württemberg für die kommunale Selbstverwaltung eintritt, übt Das Deutsche Bauernbuch angesichts des Pauperismus Sozialkritik an den prekären Lebensbedingungen der Landbevölkerung: eine Kritik, die sich als Anklage gegen die Obrigkeit, die Kirche, den Staat oder allgemeiner das wirtschaftliche und politische System konkretisiert. Als notwendige Voraussetzung der politischen Positionierung figuriert sowohl bei Auerbach als auch bei Schloenbach der Anspruch, mit ihren Dorfgeschichten über empirische Wirklichkeit aufzuklären. Beide Texte wählen dabei je unterschiedliche narrative Verfahren der Beglaubigung.
Im Vortrag werde ich zeigen, dass in diesen Verfahren jeweils ein Modell politischen Wandels eingelagert ist. Auerbachs ‚Sprache der Nähe’ verweist, aufbauend auf eine im Dorf noch gegenwärtige Vergangenheit, idealistisch auf eine harmonische Zukunft, die durch das vorbildhafte Verhalten der ‚germanisierten‘ Dorfbewohner (Hahl) erreichbar scheint. Schloenbachs Eskalationsnarrative hingegen lassen den Figuren keinen Handlungsspielraum. Die Verzweiflungstat, in die fast alle Erzählungen des Deutschen Bauernbuchs münden, wird von Schloenbachs ‚Prosa der Plausibilität’ als alternativlos charakterisiert und fungiert als Drohung des zynischen Erzählers gegenüber dem impliziten Publikum. Im Vortrag wird die Offenheit, welche die Dorfgeschichte als Diskurs über mögliche Zukunftsmodelle des ländlichen Raums im Vormärz auszeichnet, ersichtlich werden.
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Antonia Villinger (Köln)

2010 bis 2016 Studium der Germanistik, Kathoischen Theologie und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln und Karls-Universität Prag. 2016/2017 Tätigkeit als Teaching Assistant und paralleles Masterstudium an der Washington University in St. Louis, Missouri, USA. Seit August 2018 Doktorandin an der Universität Mannheim gefördert durch ein Stipendium der Landesgraduiertenförderung, Promotion zur „Verflechtung von Recht, Religion und Geschlecht in den Dramen Friedrich Hebbels“; ebenso seit August 2018 Wissenschaftliche Hilfskraft am Internationalen Kolleg Morphomata an der Universität zu Köln.

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Vortragsthema: „‚so würde sichs finden, ob das Gesetzbuch ein Loch hat‘ – Zur Verhandlung von Rechtsdiskursen in Friedrich Hebbels Drama Maria Magdalena (1844)“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ – die das Drama abschließenden Worte Meister Antons aus Friedrich Hebbels 1844 erschienenem Bürgerlichen Trauerspiel Maria Magdalena beklagen eine Gesellschaftskonstellation, in welcher Chaos und Unrecht maßgeblich regieren. Der Text führt in drei Akten die Geschichte rund um die unehelich schwanger gewordene Tischlertochter Klara aus. Die Handlungsabfolge ist in eine Reihe von Rechtsfällen eingebettet, – wie ein vermeintlicher Juwelendiebstahl durch Karl, die Vergewaltigung Klaras oder ein Duell – welche sowohl die Entscheidungen der Figuren im Trauerspiel selber als auch die Personenkonstellation strukturieren. Die unrechtmäßige Festnahme Karls zum einen und die gerade nicht erfolgte Ermittlung gegen Leonhard – aufgrund der Vergewaltigung seiner Verlobten Klara – zum anderen rücken die Unzuverlässigkeit des inszenierten Rechtsystems in den Fokus.
Der Vortrag arbeitet heraus, wie im Drama die skizzierte Unzuverlässigkeit der juristischen Instanzen dargestellt wird und welche Deutungspotenziale sich daraus für die Personenkonfiguration ergeben. Von zentralem Interesse ist hierbei die textuelle Präsentation eines bürgerlichen Gesellschaftssystems, in welchem unrechtmäßiges Handeln mit Männlichkeit auf der einen und Gerechtigkeit mit Weiblichkeit auf der anderen Seite verknüpft wird. Diese Dichotomie manifestiert sich in der textlichen Reinszenierung des korrupten Kleist’schen Dorfrichter Adams aus Der zerbrochne Krug. Darüberhinaus verweisen die im Trauerspiel dargestellten Rechtsfälle, bei welchen die weiblichen Figuren der männlichen Handlungsdominanz zum Opfer fallen, auf diese Dualität zurück. Stirbt durch den Suizid Klaras am Ende des Dramas die einzige im Trauerspiel agierende humane Figur? Wie thematisiert die dramatische Handlung die gesellschaftliche Anerkennung von herrschendem Recht zwischen dessen tatsächlicher Funktionalität und der Tatsache, dass es geltende gesellschaftliche Konventionen – wie Geschlecht – abbildet und fortführt? Kann die textlich dargestellte Dichotomie von Recht und Unrecht auch als Kritik an einem Rechtsbegriff interpretiert werden, der Recht als etwas Neutrales setzt? Klingt in dem Trauerspiel bereits die politische Situation des Nachmärz an?
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8. Studientagung 2017




TeilnehmerInnen des 8. Forums Junge Vormärz Forschung, April 2017 (v.l.n.r.): Amélie Richeux, Ali Zein (RU Bochum), Laura Nippel, Amélie Lelay (HU Berlin), Kathrin Wittler (FU Berlin), Michael Ansel, Bernd Füllner (BU Wuppertal), Melina A. Munz (Univ. Freiburg), Sophia Victoria Krebs, Anne-Rose Meyer (BU Wuppertal).


 
Sophia Victoria Krebs

M.A., Studium der Germanistik, Philosophie und Editions- und Dokumentwissenschaft in Düsseldorf, Marburg und Wuppertal. Dissertation zu Briefsemiotik.

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Abstract des Vortrags, gehalten am 29. April 2017 auf dem 8. Forum Junge Vormärz Forschung

»Misère, dein Name ist H. H.« Heines Name(n) als paratextuelles Element

Mit der Zeile „[...] Misère, dein Name ist H. H.“ (HSA 23, 1739. HH an Elise Krinitz, 23.1.1856) schloss der kranke Heine seinen Brief an die Mouche vom 23. Januar 1856, wenige Wochen vor seinem Tod. Heine hatte viele Namen: Harry Heine, Christian Johann Heinrich Heine, Henri Heiné – unter dem Namen Heinrich Heine erlangte der Schriftsteller Popularität. Exemplarisch für Heines Informationstaktik und seinen Umgang mit persönlichen Daten soll in diesem Vortrag sein Vexierspiel mit seinen Vornamen, Anagrammen, Traduktionymen anhand von Werken und persönlichen Zeugnissen in Hinblick auf seinen Werkbegriff analysiert werden. Es werden die Dimensionen dieses Spiels mit paratextuellen Elementen mit Fokus auf die persönliche, literarische und ökonomische Bedeutung der Namen unter Berücksichtigung der Onomastik ergründet und der Einfluss des sog. „Preußischen Judenedikts von 1812“ sowie des Diskurses um die speziell jüdische Namensvergabe im Vormärz untersucht.
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Amélie Lelay

Geboren 1988. 2006-2009: Classe préparatoire aux Grandes Ecoles (hypokhâgne und khâgne) und Bachelor in Germanistik in Metz (Frankreich). Master im Fach Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin.
Derzeit Promotion an der Humboldt Universität Berlin über Heinrich Heine, Théophile Gautier und Gérard de Nerval.
Forschungsinteresse : Literatur und Geschichte des 19. Jahrhunderts (insbesondere Deutschlands und Frankreichs) , Kulturtransferts, Übersetzungstheorie, Poetik, Ästhetik.

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Abstract des Vortrags, gehalten am 29. April 2017 auf dem 8. Forum Junge Vormärz Forschung

Théophile Gautier und Gérard de Nerval: eine orientierte Heine-Rezeption?

Heinrich Heine emigrierte 1831 nach Paris und die französische Presse setzte sich auch bald mit dem Dichter auseinander. Die Dichter Théophile Gautier und Gérard de Nerval, die Heines Freunde wurden, präsentierten dem französischen Publikum eine lückenhafte Darstellung Heines, die eine ganz neue Heine-Lektüre in Frankreich prägte und verbreitete. Sie erwähnten die politische Seite des Dichters kaum, und stellten ihn eher als typisch deutschen, romantischen, an Problemen des Alltags uninteressierten Künstler dar. Dies war weniger die Konsequenz eines Missverständnisses als eines Willens, eine ausländische Persönlichkeit zu benutzen um ihre eigenen ästhetischen Ansichten zu legitimieren.
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Melina A. Munz

Seit Februar 2017 Doktorandin am SFB 1015 "Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken." Teilprojekt G4 "Muße im indischen Gegenwartsroman" an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Oktober 2014 - Juni 2016 Master English Literatures and Cultures an der Eberhard Karls Universität Tübingen
2012/2013 Auslandsjahr an der University of Reading, UK
Oktober 2009 - Oktober 2016 Studium Englisch, Germanistik und Geschichtswissenschaft auf Lehramt an der Eberhard Karls Universität Tübingen
Forschungsinteressen: Postkoloniale englischsprachige Literatur und Theorie; indische Literatur; englische und deutsche Romantik

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Abstract des Vortrags, gehalten am 29. April 2017 auf dem 8. Forum Junge Vormärz Forschung

Die Macht der Worte? Politische Dichtung und Aktion bei Lord Byron und Heinrich Heine

Sowohl der englische Lord und notorische Dandy Byron als auch der eher bürgerliche Heinrich Heine attackierten wiederholt verfahrene Strukturen in Politik und Gesellschaft. Während Heines Position in der Dichtung des Vormärz unumstritten scheint, ist der Vergleich mit dem zeitlich vorangegangenen Byron trotzdem aufschlussreich: Zum einen ist dessen Dichtung durch ähnliche soziale Probleme und Fragen politischer Unabhängigkeit charakterisiert und reagiert unmittelbar auf die vergangene französische Revolution und die europäische Restauration. Zum anderen ringen trotz der genannten Unterschiede beide mit ähnlichen Problemen der Dichterrolle: Sie kommentieren in ihrer politischen Dichtung das Verhältnis zwischen bloßen Worten und tatsächlicher Auswirkung auf die politische Situation. Mein Vortrag war an der These orientiert, dass Byron in Don Juan und Heine in Deutschland. Ein Wintermärchen einerseits ein Manifest für die Wirksamkeit der Worte, also der Macht politischen Schreibens, formuliert haben, andererseits die Zweifel an dieser Wirksamkeit nie aufgegeben haben. In ihrer Dichtung finden sie eine Form und damit teilweise Lösung für diese Problematik in der ironischen und satirischen Darstellungsweise.
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Laura Nippel

Humboldt-Universität zu Berlin

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Abstract des Vortrags, gehalten am 29. April 2017 auf dem 8. Forum Junge Vormärz Forschung

Parlamentarische Öffentlichkeit im Vormärz

Die parlamentarische Entwicklung der deutschen Staaten im Vormärz entwickelte sich im Spannungsfeld zwischen liberaler Bewegung und den Karlsbader Beschlüssen, die in den einzelnen Bundesstaaten unterschiedlich rigide umgesetzt wurden. Besonders deutlich treten diese Unterschiede in einem Vergleich der den frühparlamentarischen Versammlungen zugestandenen Öffentlichkeit in den beiden Einzelstaaten Baden und Preußen zutage. Zwar konnten sich die preußischen Landtage schrittweise aus ihrer Isolation befreien, doch blieben sie hinter der Öffentlichkeit der badischen Zweiten Kammer zurück. Der Grad der Publizität und die politischen Spielräume der Parlamente bedingten einander wechselseitig. Der Kampf um Öffentlichkeit war auch ein Kampf um Einfluss und Legitimität zwischen Parlament und monarchischer Obrigkeit.
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Amélie Richeux

Jg. 1982; Studium der Romanistik (Französisch und Spanisch); seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum im Forschungsprojekt »Die Causes célèbres des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland« (gefördert von der Fritz Thyssen-Stiftung). Promotionsprojekt über die Causes célèbres des 19. Jahrhunderts in Frankreich mit der Arbeit »Construction narrative et transmissions de savoirs anthropologiques dans les Causes célèbres de la France du XIXe siècle« (Arbeitstitel)

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Ali Zein

Jg. 1988; Studium der Komparatistik und Germanistik; seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum; Promotionsprojekt über die Auseinandersetzung der Kriminalfallsammlung Der neue Pitaval mit der Schwurgerichtsdebatte im Rahmen des Forschungsprojekt »Die Causes célèbres des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland«.

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Abstract des gemeinsamen Vortrags, gehalten am 29. April 2017 auf dem 8. Forum Junge Vormärz Forschung

Die Causes célèbres des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland. Genre – Korpora – Programmatiken

Der gemeinsame Vortrag skizzierte vergleichend die französische und deutsche Causes-célèbres-Literatur des 19. Jahrhundert.
Das nicht-fiktionale, rechtsbegleitende kriminalliterarische Genre der ‘causes célèbres’, das im 18. Jahrhundert in Frankreich entsteht, ist sowohl in der Aufklärungszeit als auch im 19. Jahrhundert sehr erfolgreich. Die Analyse der Sammlungen aus dem post-revolutionären Zeitalter zeigt, dass die verschiedenen Programmatiken des Genres von den sozio-politischen und juridischen Umbrüchen und Entwicklungen – von der französischen Revolution bis zur dritten Republik – geprägt sind. Ebenfalls wird deutlich, dass die écriture der ‘causes’ von der Expansion der Presse und insbesondere von der juristischen Presse stark beeinflusst ist, so dass das Genre zu Beginn des 20. Jahrhunderts langsam ausstirbt.
Auf deutscher Seite wurde Der neue Pitaval (60 Bde., hg. Julius Eduard Hitzig, Willibald Alexis, Anton Vollert, Leipzig: Brockhaus 1842–1890) vorgestellt. Es wurden die Programmgeschichte und Alexis’ kriminalliterarische Poetik – besonders bezüglich der Schwurgerichtsdebatte und internationalen Kompiliationspraxis skizziert. Alexis kompiliert schwerpunkt-mäßig englische, französische und deutsche Fälle, um einen impliziten Systemvergleich zwischen dem monarchistisch begriffenen Inquisitionsverfahren und liberal-bürgerlich aufgeladenen Schwurgericht am Beispiel von Justizirrtumsfällen durchzuführen. Er verschiebt die Ursachen von der jeweiligen Verhandlungsform zu psychologischen, politischen und sozialen Konfliktfaktoren und bringt die juristische Reformdiskussion als moralische, soziale und politische Debatte mit dem Ziel einer Verteidigung des Schwurgerichts in die Öffentlichkeit.
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Kathrin Wittler

Kathrin Wittler hat ihre Dissertation Morgenländischer Glanz. Eine deutsche jüdische Literaturgeschichte (1750-1850), die von Prof. Dr. Andrea Polaschegg und Prof. Dr. Ernst Osterkamp betreut wurde, Ende 2016 am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin verteidigt. Seit März 2017 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) am Lehrstuhl von Prof. Dr. Michael Gamper am Peter-Szondi-Institut für AVL der Freien Universität Berlin. Zu ihren Forschungsinteressen zählen die deutsche und deutsche jüdische Literaturgeschichte vom 18. bis 20. Jahrhundert, Bibel und Literatur, Orientalismus, Buchgeschichte und die literarische Produktivität von Einsamkeit.

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Abstract des Vortrags, gehalten am 29. April 2017 auf dem 8. Forum Junge Vormärz Forschung

Joel Jacoby (1811-1863). Eine Skandalfigur des Vormärz

Joel Jacoby (1811-1863) erregte in den 1830er Jahren mit einem doppelten Seitenwechsel Aufsehen. Er wechselte vom liberalen Lager in den Dienst der Polizei und konvertierte vom Judentum zum katholischen Glauben. Seinen politischen und religiösen Gesinnungswandel machte er in Zeitungserklärungen, in Streitschriften und in mehreren Gedichtbänden zu einer öffentlichen Angelegenheit. Obwohl er mit zahlreichen wichtigen Persönlichkeiten des literarischen und politischen Lebens Kontakt hatte und an diversen Konflikten maßgeblich beteiligt war, kursieren bis heute nur wenige und fehlerhafte Informationen über die Eckdaten seines Wirkens. Um hier Abhilfe zu schaffen und Jacobys Rollen im literarischen Leben der 1830er bis 1850er Jahre zu erschließen, bereite ich auf der Basis neu erschlossenen (Archiv-)Materials eine fundierte werkbiographische und literatursoziologische Studie vor. Der Vortrag zeigte an ausgewählten Beispielkonstellationen auf, inwiefern sich an den heftigen Reaktionen auf Jacoby gleichsam seismographisch die Konflikte des literarischen Lebens im Vor- und Nachmärz ablesen lassen.
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7. Studientagung 2016




TeilnehmerInnen des 7. Forums Junge Vormärz Forschung, April 2016 (v.l.n.r.): Prof. Wolfgang Lukas (Univ. Wuppertal); Tim Weber, MA (Univ. Mainz); Dr. Philipp Erbentraut (Univ. Frankfurt a.M.); Christoph Valentin, MA (Univ. Münster); Maria Jacob, MA (Univ. des Saarlandes); Dr. Bernd Füllner (Univ. Wuppertal); Giuseppina Cimmino, MA (Univ. Florenz/ Bonn); PD Dr. Anne-Rose Meyer (Univ. Wuppertal); Jun.Prof. Dr. Katharina Schneider (Univ. Paderborn)


 
Giuseppina Cimmino

2004-2011: Studium der deutschen und englischen Philologie, der Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Università degli Studi di Napoli „L'Orientale“. Von Februar 2012 bis Juli 2016 Stipendiatin im Rahmen des internationalen Promotionskollegs „Germanistica Firenze-Bonn“ (Università degli Studi di Firenze, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), derzeit Beendigung der Promotion an der Universität Bonn. Forschungsinteressen: Poetik, Rhetorik, Ästhetik; Erzähltheorie; Literatur des 19. Jahrhunderts.

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Abstract des Vortrags, gehalten am 9. April 2016 auf dem 7. Forum Junge Vormärz Forschung

Tendenzermittlung und Historisierung. Die zeitdiagnostische Literaturkritik Laubes und Gutzkows

Am Beispiel Laubes Moderner Charakteristiken (1835) und Gutzkows Vergangenheit und Gegenwart (1830-1838) (1839) lassen sich im Gegenwartsdiskurs, der im Vormärz besondere Konjunktur gewinnt, semiotische Leitoperationen und dementsprechende Gegenwartskonzepte bestimmen: als solche gelten die Verfahren der ,Tendenzermittlung‘ und der ,Historisierung‘, die auf entgegengesetzten Gegenwartskonzepten basieren, indem jeweils auf Progression und Zyklik hinweisen. Mit dezidiert struktural-analytischer Herangehensweise kann man feststellen, dass diese Verfahren mittels der formalen und argumentativen Strategien des „Zäsur-Setzens“ (Historisierung), der „Charakteristik“ als Mittel der Zusammenhangsherstellung (Tendenzermittlung) und des Bezugs auf die Zukunft (Historisierung) in den Texten aktualisiert werden. Aus diesen Überlegungen kann man die Konsequenz ziehen, dass die diskursive Auseinandersetzung mit ‚Gegenwart‘ an die Rückbindung an eine wie auch immer geartete Kausalität nicht verzichten kann.

Power-Point-Präsentation zum Vortrag (als PDF-Datei)

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Skizze des Dissertationsprojekts:

Gegenwartskonzepte in der Publizistik und in der philosophischen Ästhetik (1830-1848) (als PDF-Datei)
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Philipp Erbentraut

Geboren 1982; Studium der Politik und Geschichte; 2015 Promotion; seit 2015 Akademischer Rat für Politische Soziologie und Staatstheorie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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Abstract des Vortrags, gehalten am 9. April 2016 auf dem 7. Forum Junge Vormärz Forschung

Mythos Anti-Parteien-Affekt

Warum deutsche Vormärz-Intellektuelle in Wirklichkeit vom Segen der politischen Parteien schwärmten

Gab es tatsächlich einen generellen Anti-Parteien-Affekt im deutschen politischen Denken des 19. Jahrhunderts? Philipp Erbentraut argumentiert gegen diesen Mythos und zeigt, dass es im Gegenteil bereits im Vormärz (1815–1848) eine positive und elaborierte Theorie und Soziologie der politischen Parteien gegeben hat, der ein modernes Parteienverständnis zugrunde lag. Er hinterfragt, inwiefern diese Positionen avanciertes politikwissenschaftliches Denken vorwegnahmen und sogar heutige Ansätze der Parteienforschung befruchten könnten. Aktuelle Krisensymptome der Parteiendemokratie wie Politikverdrossenheit, Wahlmüdigkeit oder Mitgliederschwund führt er auf ihre erstmalige theoretische Durchdringung vor beinahe 200 Jahren zurück. Durch die Auswertung von mehr als 250 staatsphilosophischen Quellen kann er belegen, dass quer durch alle politischen Lager dabei freundliche, offen parteienbefürwortende Stellungnahmen überwiegen.

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Pressemitteilung:

Theorie und Soziologie der politischen Parteien im deutschen Vormärz 1815–1848 (als PDF-Datei)
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Katharina G. Schneider

Forschungsschwerpunkte: Historische Bildungsforschung (Konzeptionen politischer Bildung im 19. Jahrhundert; Geschichte des Pädagogikunterrichts, seines Curriculums und seiner Didaktik; Methoden historischer Bildungsforschung), Unterrichtsforschung (Modellierung und Messung kasuistischer Kompetenz im Pädagogikunterricht; Fachdidaktische Modelle und Methoden)

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Publikationen in Auswahl (als PDF-Datei)
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Christoph Valentin

Abstract des Vortrags, gehalten am 9. April 2016 auf dem 7. Forum Junge Vormärz Forschung

Polemik und Feindbildkonstruktion

Die Berichterstattung des Münchener Nuntius Michele Viale Prelà über die Deutschkatholiken 1844/45

Im Vormärz begann die Ultramontanisierung des deutschen Katholizismus. Dieser durch Homogenisierung und romorientierte Zentralisierung gekennzeichnete Prozess wurde maßgeblich von den Apostolischen Nuntien, den Vertretern des Heiligen Stuhles in Deutschland, vorangetrieben. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für das Vorgehen der Kurie. Beispielhaft hierfür steht Michele Viale Prelà, der zwischen 1838 und 1845 Nuntius in München war. Seine Berichte über die Deutschkatholiken geben kein differenziertes Bild der Entwicklung dieser ersten modernen Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche, sondern schildern sie als eine Sammlungsbewegung von schlechten Katholiken, Protestanten und Kommunisten, die das Ziel verfolge, Thron und Altar zu stürzen. Die Berichte Viale Prelàs stehen dabei paradigmatisch für die kurial-ultramontane Feindbildkonstruktion und tragen maßgeblich zum Verständnis der kurialen Deutschlandpolitik bei.

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Skizze des Dissertationsprojekts:

Die päpstliche Diplomatie und der Aufstieg des Ultramontanismus. Der Apostolische Nuntius Michele Viale Prelà in München (1838-1845) (als PDF-Datei)
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Tim Weber

Interdisziplinäre Dissertation über Georg Büchner und die Volkskunde; Forschungsinteressen: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, Editonsphililogie, Erinnerung und Gedächtnis, Erzählkultur und Medialität, Geschichte und Methoden der Germanistik und der Volkskunde.

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Abstract des Vortrags, gehalten am 9. April 2016 auf dem 7. Forum Junge Vormärz Forschung

Kinderfolklore im Woyzeck

Kinder als Dramenfiguren sind in den Woyzeck-Manuskripten eher die Ausnahme. In den ersten beiden Entwurfshandschriften sind sie nicht als Charaktere individualisiert; die Kinderkultur ist Ausdruck einer narrativ konstituierten Volkskultur als Lachkultur (Michail Bachtin), sinn- und identitätsstiftend. Der Herodes-Ringelreihen und das Anti-Märchen der Großmutter sind paradigmatisch für jenen Habitus, der religiöse und gesellschaftliche Institutionen verlacht, indem ein geistlicher Weltentwurf radikal anthropologisiert wird. Mit den Sepulkraltraditionen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit greifen Reim und Märchen eine Ikonographie des Leiblichen auf, die sich in den Bilderwelten der Volkskultur religionskritisch und sozialkritisch als immanente Lebenswirklichkeit materialisiert. In der Sprache des Volkes erzählt Georg Büchner in seinem Woyzeck auf diese Weise eine zweite Wahrheit über die Welt.
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